Presse

ECHO-SERIE: Zum Frühstück bei Sabine und Helmut Gulatz

Helfen statt zu trauern

Die Eltern der an Krebs gestorbenen Tochter gründeten in Groß-Bieberau einen Verein, der durch Krankheiten der Kinder in Not geratene Familien unterstützt

Und wieder beginnt ein Tag. Beim Frühstück wird zum Kaffee die Zeitung studiert, begegnet sich die Familie, gibt man sich unverkrampft, ist gesprächsbereit. Gelegenheit, Menschen in privater Umgebung kennen zu lernen. Wir berichten in lockerer Folge, was sie zu erzählen haben.

GROSS-BIEBERAU. „Die Kinder sind so stark. Sie geben sogar den Eltern Kraft“, sagt Sabine Gulatz voller Bewunderung, in der spürbar Trauer mitschwingt. Ihre Tochter Kathinka verlor im Alter von zweieinhalb Jahren den Kampf gegen ein bösartiges Neuroblastom, einen im ganzen Körper streuenden Tumor. Gerade mal 18 Monate alt war das Mädchen, als die Krankheit diagnostiziert wurde. Es traf Sabine und Helmut Gulatz wie einen Hammerschlag. Was das Kind bis zu seinem Tod mit- und durchmachte, lässt sich kaum in Worte fassen. Zwölf Monate zwischen Hoffen und Bangen, ein Kampf gegen Schmerzen und Verzweiflung, mit Chemotherapien, Bestrahlungen, mit einer neunstündigen Operation. Tag um Tag saßen die Eltern am Krankenbett in der onkologischen Kinderklinik in Heidelberg.

„Die Kinder wissen, dass sie gehen müssen“, sind sich die Eltern sicher, als sie am Frühstückstisch vor dem an der Wand hängenden Bild ihrer Tochter die Erinnerungen aufleben lassen. „Kathinka fliegt auch bald in den Himmel“, habe sie beim Blick auf ein Flugzeug gesagt, erinnert sich der Vater. Die Eltern hatten sie nach Groß-Bieberau geholt, als sich abzeichnete, dass sie den Kampf gegen den Tod nicht mehr gewinnen konnte. Noch kurz bevor sie starb, habe sie ihr Puppenhaus mit den Worten „Das brauche ich jetzt nicht mehr“ weggepackt, habe noch ein letztes Mal die Großeltern sehen wollen.

Der Tod war nicht nur für das Mädchen nach dem langen Leidensweg eine Erlösung. Die ganze Familie, Freunde und Bekannte litten mit. Die Mutter, Krankenpflegerin am Elisabethenstift, lebte fast ein Jahr lang an der Seite der todkranken Tochter in einer Elternwohnung nahe der Klinik, betreute und umsorgte sie – und vernachlässigte den damals sechsjährigen Benjamin.

Das ist jetzt 17 Jahre her. „Wir wollten kein Trauerhaus werden“, sagen Sabine und Helmut Gulatz. Kathinkas Spielsachen durften weiter benutzt werden. Benjamin lebte auf, weil er seine Mutter wieder für sich hatte. Die „Aktion zugunsten krebskranker Kinder“ war Trauerbewältigung. „Wir wollten das, was wir in dieser schweren Zeit durchlebt haben, für andere nutzbar machen“, erklärt ihr Mann. Die beiden hatten ja gerade selbst erfahren, wie wichtig Hilfe und Zuwendung in der Not ist.

Es war Zufall, dass auch Nachbarin Birgit Doerfel ein ähnlicher Schicksalsschlag traf. Ihr Sohn starb knapp über ein Jahr alt den plötzlichen Kindstod. Die beiden Mütter trösteten sich in Gesprächen, entschlossen sich, den Advents-Basar der Kirche wiederzubeleben, fanden im damaligen Pfarrer Helmrich Mencke einen Mitstreiter, und viele Frauen machten spontan mit, als sich der Kreis im Gemeindehaus traf. Es wuchs die Idee, daraus etwas Festes zu machen, Geld zu sammeln, weil die Mütter merkten, dass „überall Not herrscht“.

1994 wurde die „Aktion zugunsten krebskranker Kinder“ gegründet. Die Kirche wurde eingebunden, weil sie Spendenquittungen ausstellen konnte. 1997 wurde die Initiative zum Verein, der sich aus Spenden (auch aus einem Hilfsfonds des Chemieunternehmens Merck floss Geld), den Einnahmen von Adventsbasaren und Flohmärkten finanziert, inzwischen 130 Mitglieder (Mindestbeitrag 26 Euro im Jahr) hat, die – wie auch der elfköpfige Vorstand um Sabine Gulatz und ihre Stellvertreterin Birgit Doerfel ehrenamtlich tätig sind. Einnahmen werden direkt weitergeleitet an Menschen, die Hilfe brauchen.

„Wenn wir Geld geben, fragen wir nicht warum. Das geht unbürokratisch, formlos und schnell“, bestätigt die Vorsitzende. Das Geld geht an Familien mit schwer erkrankten Kindern, wobei das Wort Kind vom Vorstand bei Notfällen großzügig interpretiert wird. Unterstützt werden Elternvereine, die den Kinderkrebskliniken in Heidelberg, Köln und Mainz angeschlossen sind. Der Verein in Heidelberg hatte Sabine Gulatz eine Elternwohnung zur Verfügung gestellt, damit sie in der Nähe ihrer Tochter sein konnte. Das Engagement solcher Elternvereine soll gefördert werden.

„Es war schon Wahnsinn“, erinnert sich Gerichtsvollzieher Helmut Gulatz an eine turbulente Zeit. „Meine Kollegen haben mich sehr unterstützt. Sonst wäre das alles nicht gegangen.“ Auch die Großeltern, die Benjamin tagelang versorgten, haben ihren Teil beigetragen. Sabine Gulatz: „Wir haben erfahren, was es bedeutet, ein schwer krankes Kind zu haben. Geld ist dabei ein wichtiger Faktor, weil die Kosten nur zum Teil von den Kassen getragen werden und die finanziellen Einbußen erheblich sind. Und deshalb versuchen wir zu helfen, wo immer es möglich ist.“

Die Vorsitzende Sabine Gulatz ist in Groß-Bieberau (Freiherr-vom-Stein-Straße 52) unter 06162 85490 zu erreichen.

Spendenkonto: Sparkasse Dieburg (800 361 14), Volksbank Odenwald (366 099 0)

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